Diagnostik in unserer Praxis

Die apparative Zusatzdiagnostik dient dazu, Verdachtsdiagnosen, die im Rahmen des Anamnesegesprächs und der körperlich-neurologischen Untersuchung gestellt werden, messtechnisch zu objektivieren und gezielt abzuklären. Methodisch gliedern sich diese Verfahren in elektrophysiologische Untersuchungen (zur Prüfung der elektrischen Signalverarbeitung in Nerven und Muskeln) sowie sonographische Verfahren (zur hochauflösenden Ultraschalldarstellung von Gefäßen und Gewebestrukturen). Eine detaillierte Übersicht und Beschreibung der einzelnen Diagnoseverfahren finden Sie im weiteren Verlauf dieser Seite.

Die Neurophysiologie befasst sich mit der Messung der elektrischen Aktivität von Gehirn, Nerven und Muskeln, um deren Funktion und Signalweiterleitung zu überprüfen. Die folgenden Verfahren finden dabei Ihre Anwendung:

Die Elektroenzephalografie (EEG) – umgangssprachlich auch als „Gehirnstrommessung“ bezeichnet – ist ein schmerzfreies und gefahrloses Verfahren zur Untersuchung der elektrischen Aktivität des Gehirns.

Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die kontinuierlich über winzige elektrische Signale miteinander kommunizieren. Aufgrund ihrer geordneten Anordnung lassen sich diese Signale an der Kopfhaut als Summenpotentiale messen und als ortspezifische Wellenmuster (Elektroenzephalogramm) sichtbar machen.

EEG eines jungen Mannes. Dargestellt ist der Übergang vom Dämmerzustand (Schlafstadium N1 oder Schläfrigkeit) in den Wachzustand (Bildmitte). Die für den Dämmerzustand typischen, langsamen Theta-Wellen (4–7 Hz) und flachen EEG-Abschnitte nehmen rapide ab, höhergespannte Alpha-Welle (8-12 Hz) treten nun dominierend auf. Das mitlaufende EKG (rot) dokumentiert einen durchgehenden Sinusrhythmus.

Wann wird ein EEG durchgeführt?

Ein EEG kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn Funktionsstörungen des Gehirns vermutet werden. Häufige klinische Anwendungsbereiche sind:

  • Epilepsie
  • Bewusstseinsstörungen
  • Kognitionsstörungen (z. B. Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen)
  • Schwindel
  • Kopfschmerz
  • Schlafstörungen

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Messung ist vollkommen schmerzfrei und erfordert keine besondere Vorbereitung.

  1. Vorbereitung: Auf den Kopf wird eine spezielle Haube aufgesetzt, in die manuell 20 Elektroden präzise positioniert werden. Zur besseren Signalübertragung wird ein Kontaktgel auf die Hautstellen aufgetragen. Zusätzlich wird die elektrische Aktivität des Herzens (EKG) abgeleitet.
  2. Messung: Während der Untersuchung liegt oder sitzt man entspannt auf einem Behandlungsstuhl. Die reine Messdauer beträgt in der Regel etwa 20 bis 30 Minuten.
  3. Provozierte Reize (Funktionstests): Um bestimmte Reaktionsmuster des Gehirns zu überprüfen, wird man während der Messung je nach zugrundeliegender Fragestellung gelegentlich gebeten:
    • für einige Minuten tief ein- und auszuatmen (Hyperventilation),
    • die Augen zu öffnen und zu schließen (Berger Effekt),
    • auf ein flackerndes Licht zu schauen (Photostimulation).

Was zeigen die Messergebnisse?

Die aufgezeichneten Gehirnwellen unterscheiden sich je nach Bewusstseinszustand (z. B. wach, entspannt, schlafend). Im EEG lassen sich typische Veränderungen erkennen:

  • Verlangsamungen: Können auf lokale Gewebsveränderungen, Durchblutungsstörungen oder allgemeine Funktionsstörungen hinweisen.
  • Anfallstypische Muster (Spikes & Waves): Charakteristische steile Wellen und Zacken, die auf eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen hindeuten.
Epilepsietypische Potentiale im EEG. Das gezeigte Muster aus plötzlich auftretenden Spitzen und Wellen (Spike-Wave-Komplexe, 3 Hz) erklärt die zeitgleich auftretenden kurzen Abwesenheitszustände (Absencen) ohne Haltungsverlust.

Fazit: Das EEG bietet somit eine schnelle, risikofreie und präzise Möglichkeit, die funktionelle Gesundheit des Gehirns zu beurteilen.

Die Elektroneurografie (ENG) – oft kurz als Neurographie bezeichnet – ist ein schmerzfreies und etabliertes Verfahren zur Untersuchung der Funktion peripherer Nerven. Periphere Nerven sind die „Leitungsbahnen“ unseres Körpers: Sie leiten Empfindungen wie Berührung, Schmerz oder Temperatur an das Gehirn weiter und übermitteln Steuerbefehle vom Gehirn an die Muskeln.

Mithilfe der Neurografie wird gemessen, mit welcher Intensität (Amplitude) und Geschwindigkeit elektrische Impulse über diese Nervenbahnen weitergeleitet werden.

Wann wird eine Neurografie durchgeführt?

Eine Neurografie kommt immer dann zum Einsatz, wenn der Verdacht auf eine Schädigung eines peripheren Nerven besteht. Häufige Anwendungsbereiche sind:

  • Nervenkompressionssyndrome: Abklärung eingeengter Nerven.
  • Polyneuropathien: Diagnostik von Nervenschädigungen, die z. B. durch Diabetes mellitus, Mangelerscheinungen oder Alkohol auftreten.
  • Akute oder chronische Nervenverletzungen: Überprüfung der Funktion nach Unfällen, Schnittverletzungen oder Druckschäden.
  • Nervenwurzelreizungen: Ergänzende Abklärung bei Bandscheibenvorfällen oder Engpässen an der Wirbelsäule.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Messung ist ungefährlich und dauert meist nur wenige Minuten pro untersuchtem Nerv.

  1. Vorbereitung: Auf die Haut über dem zu untersuchenden Nerv und dem dazugehörigen Muskel werden kleine Oberflächenelektroden geklebt.
  2. Reizung: Über eine kleine Stimulationssonde wird der Nerv an einer Stelle mit einem kurzen, schwachen elektrischen Impuls gereizt. Dieser Impuls fühlt sich wie ein kurzes, leichtes, z. T. auch schmerzhaftes Elektrisieren oder Klopfen an und kann eine unwillkürliche, kurze Muskelzuckung auslösen.
  3. Messung: Die Elektroden zeichnen auf, wie lange der Impuls benötigt, um eine bestimmte Strecke entlang des Nervs zurückzulegen, und wie hoch die Amplitude am Ziel ist.

Was zeigen die Messergebnisse?

Aus den gemessenen Werten lassen sich Rückschlüsse auf die Art und das Ausmaß einer Nervenschädigung ziehen:

  • Verminderte Leitgeschwindigkeit: Weist häufig auf eine Schädigung der isolierenden Hülle des Nervs (Myelinschicht) hin, wie sie typischerweise bei Druckschäden oder entzündlichen Veränderung vorkommt.
  • Verminderte Signalstärke (Amplitudeneinbuße): Deutet auf eine Schädigung der eigentlichen Nervenfasern (Axone) hin.

Die Neurografie liefert somit präzise Informationen darüber, ob, wo und in welchem Ausmaß ein Nerv beeinträchtigt ist, und bildet eine wesentliche Grundlage für die richtige Diagnose.

Neurographie am Beispiel eines Sulcus-ulnaris-Syndroms (= Kompression des Ulnarnervens auf Höhe des Ellenbogens): Eine pathologische Reduktion der Nervenleitgeschwindigkeit findet sich zwischen Unterarm und Oberarm (zweite und dritte Kurve). Die Nervenleitgeschwindigkeit reduziert sich hier um fast 23 m/s bei erhaltener Amplitude – ein typischer Indikator für eine Nervenkompression mit Schädigung der Hüllenfunktion. Während also die für die Geschwindigkeit verantwortlichen Hüllenstrukturen (Myelinscheiden) geschädigt sind, ist der Nerv selbst (noch) intakt (Amplitudenkonstanz, Neurapraxie).
Neurographie am Beispiel eines schweren Sulcus-ulnaris-Syndroms (= Kompression des Ulnarnervens auf Höhe des Ellenbogens): Im zweiten Beispiel findet sich neben einer pathologischen Reduktion der Nervenleitgeschwindigkeit (hier um rund 25 m/s) auch eine deutliche Amplituden- und Flächenreduktion des motorischen Potentials. Es liegt also eine kombinierte Schädigung der Myelinscheiden als auch der eigentlichen Nerven vor (gemischte Läsion).

Die Elektromyografie (EMG) ist ein medizinisches Diagnostikverfahren zur Untersuchung der elektrischen Aktivität von Muskeln. Während die Elektroneurografie (ENG) die Leitungsbahnen (die Nerven) prüft, misst die EMG direkt die Funktionsfähigkeit des Muskels sowie die Zusammensetzung der Signale, die vom Nerv im Muskel ankommen.

Nerven und Muskeln bilden eine funktionelle Einheit: Erkrankt der Nerv, verändert sich auch das elektrische Signal im Muskel. Die EMG ermöglicht es daher, präzise zu unterscheiden, ob eine Schwäche oder Störung ihren Ursprung im Muskel selbst oder in den versorgenden Nerven hat.

Wann wird eine EMG durchgeführt?

Eine EMG-Untersuchung kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn Muskel- oder Nervenerkrankungen abgeklärt werden sollen. Häufige Indikationen sind:

  • Nervenwurzelreizungen: Einschätzung des Ausmaßes und des Alterationszustands von Schädigungen durch Bandscheibenvorfälle oder Engpässe an der Wirbelsäule (Radikulopathien).
  • Periphere Nervenschädigungen: Beurteilung von Ausfallerscheinungen nach Verletzungen oder bei fortgeschrittenen Nervenkompressionen.
  • Muskelerkrankungen (Myopathien): Abklärung von entzündlichen oder hereditären Muskelerkrankungen bei Muskelschwäche oder Muskelschmerzen.
  • Erkrankungen der motorischen Nervenzellen: Diagnostik bei Erkrankungen des zweiten Motorneurons (z. B. Amyotrophe Lateralsklerose).
  • Lokale Muskelstörungen: Abklärung von unwillkürlichen Muskelzuckungen (Faszikulationen) oder Verkrampfungen.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die EMG misst die elektrische Aktivität direkt im Muskelgewebe.

  1. Vorbereitung: Der zu untersuchende Muskel wird lokalisiert und die Hautstelle leicht desinfiziert.
  2. Einbringen der Nadel: Eine sehr dünne, feine Nadel-Elektrode wird präzise in den Muskel eingebracht. Dies erfordert einen kurzen Einstich, vergleichbar mit einer Blutentnahme oder einer feinen Impfung.
  3. Messung in Ruhe: Zunächst wird die elektrische Aktivität des entspannten Muskels aufgezeichnet. Ein gesunder Muskel verhält sich in absoluter Ruhe elektrisch stumm.
  4. Messung bei Aktivität: Anschließend wird gebeten, den Muskel leicht anzuspannen und die Anspannung schrittweise zu steigern. Die dabei entstehenden Entladungsmuster der Muskel- und Nerveneinheiten werden akustisch (über einen Lautsprecher) und optisch auf dem Bildschirm dargestellt.

Was zeigen die Messergebnisse?

Die Auswertung der Signalformen liefert klare Hinweise auf den Ort und die Art der Störung:

  • Spontanaktivität in Ruhe: Tritt im ruhenden Muskel elektrische Aktivität auf (z. B. Fibrillationen), weist dies auf eine akute oder frische Entkopplung des Muskels von seinem versorgenden Nerv hin (Denervierung).
  • Veränderte Signalmuster bei Anspannung:
    • Neurogene Muster: Breites, hohes Signalmuster deutet auf den Umbau nach einer Schädigung des versorgenden Nervs hin.
    • Myogene Muster: Niedrige, vielphasige Signale sprechen für eine primäre Erkrankung des Muskels selbst.

Die Elektromyografie ist ein unverzichtbarer Baustein, um das Ausmaß, das Alter und das Heilungspotenzial von Nerven- und Muskelschäden exakt zu beurteilen.

EMG bei Nervenschädigung: In der Nadel-EMG-Ableitung zeigen sich durch den Ausfall einiger Nervenzellen unter maximaler Muskelanspannung weniger Signale als normal (gelichtetes Interferenzmuster). Die verbliebenen Nerven übernehmen nun teilweise die Innervation der verwaisten Muskelzellen und aktivieren damit größere Muskelareale, was zu höheren und vielgestaltigen Potentialen führt – dieses Reparaturphänomen wird im Lautsprecher als prägnantes, lauteres „Knacken“ hörbar.

Evozierte Potentiale (EP)

Evozierte Potentiale (EP) sind eine spezialisierte Untersuchungsmethode, mit der die Funktionsfähigkeit und Leitungsgeschwindigkeit der Sinnesbahnen im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) überprüft werden.

Was genau wird gemessen? Im Grunde wird bei dieser Untersuchung die elektrische Aktivität der Hirnrinde abgeleitet – also ein spezielles Elektroenzephalogramm (EEG). Der Unterschied zum normalen EEG liegt im Auslöser: „Evoziert“ bedeutet „hervorgerufen“. Durch gezielte Reize von außen (wie Lichtmuster oder feine elektrische Impulse) wird ein ganz spezifisches Nervensignal auf die Reise zum Gehirn geschickt.

Warum braucht man eine Mittelung der Signale?

Die elektrische Antwort des Gehirns auf einen einzelnen Reiz ist extrem klein – sie beträgt oft nur wenige Mikrovolt. Sie ist damit um ein Vielfaches schwächer als die normale, ständig vorhandene Hintergrundaktivität des Gehirns (das laufende EEG).

Damit diese winzige Reizantwort sichtbar wird, setzt man das Verfahren der Signalmittelung (Averaging) ein:

  • Der Reiz wird mehrmals hintereinander (z. B. 100- bis 200-mal) in kurzen Abständen wiederholt.
  • Präzise zeitliche Kopplung (Alignment): Der Computer registriert exakt den Auslösezeitpunkt jedes einzelnen Reizes (t0) und schneidet das unmittelbar darauf folgende EEG-Signal in genau definierten Zeitfenstern zu.
  • Mittelwertberechnung: Durch das exakte Übereinanderlegen dieser zeitlich synchronisierten Abschnitte wird Punkt für Punkt der Mittelwert errechnet.
  • Signalbereinigung: Da die normale Hintergrundaktivität des Gehirns nicht zeitlich an den Reiz gebunden ist, hebt sie sich durch die Mittelung mathematisch auf. Einzig das zeitlich starr an den Reiz gekoppelte Signal addiert sich auf und stellt sich als typische Welle auf dem Bildschirm dar.
  • Die Analogie dazu: Stellen Sie sich ein Foto einer belebten Einkaufsstraße vor. Möchte man die umherlaufenden Menschen auf dem Bild verschwinden lassen, macht man viele Fotos hintereinander und mittelt diese digital. Die sich ständig bewegenden Passanten (das unkorrelierte Hintergrundrauschen) verschwinden aus dem Bild, während die starr stehenden Gebäude (das zeitstabil gekoppelte Reizsignal) klar und deutlich sichtbar bleiben.

In unserer Praxis kommen vor allem zwei etablierte Verfahren zum Einsatz:

1. Visuell evozierte Potentiale (VEP)

  • Was wird untersucht? Die VEP prüfen die Sehbahn – von der Netzhaut über den Sehnerv bis hin zur Sehdecke im Gehirn.
  • Wie läuft die Untersuchung ab? Sie sitzen entspannt vor einem Bildschirm und betrachten mit jeweils einem Auge ein sich veränderndes Schachbrettmuster. Gleichzeitig misst eine feine Oberflächenelektrode an der Kopfhaut die gemittelte Antwort des Sehzentrums.
  • Wann wird VEP angewendet? Zur Abklärung von Sehstörungen, Verdacht auf Entzündungen des Sehnervs (z. B. bei Multipler Sklerose) oder zur Verlaufskontrolle bekannter Sehnerverkrankungen.
Beispielhafte Kurve visuell evozierter Potentials (VEP): Darstellung des VEP als Funktion der Zeit. Zur Reduktion von Messfehlern werden für jede Seite jeweils zwei Messdurchgänge durchgeführt. Die Abbildung zeigt einen klinischen Normalbefund mit regelrechten Latenzen und gut ausgeprägten Amplituden. Markiert sind die drei wesentlichen Komponenten und ihre Bedeutung für die Reizweiterleitung: N75 (Erster negativer Ausschlag nach ca. 75 ms): Repräsentiert das Eintreffen der ersten elektrischen Signalanteile in den primären Arealen der Sehhirnrinde (Sehrinde). P100 (Hauptgipfel / Positiver Ausschlag nach ca. 100 ms): Der wichtigste klinische Marker. Er spiegelt die vollständige Aktivierung der primären Sehrinde wider und dient der Beurteilung der Leitungsgeschwindigkeit im Sehnerv. N145 (Zweiter negativer Ausschlag nach ca. 145 ms): Bildet die nachfolgende, komplexere Weiterverarbeitung und kortikale Integration des visuellen Reizes in angrenzenden, sekundären Hirnarealen ab.

2. Somatosensibel evozierte Potentiale (SEP)

  • Was wird untersucht? Die SEP überprüfen die gefühlsleitenden Nervenbahnen (Gefühlssinn für Berührung, Vibration und Lageempfinden) von den Armen oder Beinen über das Rückenmark bis zum Gehirn.
  • Wie läuft die Untersuchung ab? Ein kleiner, völlig ungefährlicher elektrischer Impuls wird an Handgelenk oder Fußknöchel abgegeben. Dies fühlt sich wie ein leichtes, schmerzloses Kribbeln oder ein kurzes Zucken an. Über Elektroden am Kopf und am Rückenmark messen wir die Laufzeit des Signals nach.
  • Wann wird SEP angewendet? Bei Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder Gefühlsstörungen an Armen und Beinen, bei Verdacht auf Nervenwurzel- oder Rückenmarksschädigungen (z. B. durch Bandscheibenvorfälle) sowie zur Abklärung zentraler Sensibilitätsstörungen.
Messkurve eines Medianus-SEP: Die Kurve zeigt das evozierte Potenzial über der sensiblen Hirnrinde als Funktion der Zeit. Markiert sind die standardisierten Messpunkte N20 und P25 (negativer Ausschlag nach ca. 20 ms, positiver nach ca. 25 ms), die zusammen den kortikalen Primärkomplex bilden – das erste messbare Signal in der Großhirnrinde nach elektrischer Reizung des Nervus medianus am Handgelenk. Die N20-Welle markiert den exakten Zeitpunkt, an dem der Reiz im primären sensiblen Areal (Gyrus postcentralis) eintrifft (Ankunftspotenzial). Die P25-Welle spiegelt die anschließende erste Informationsverarbeitung in den Nervenzellen der Hirnrinde wider. Im dargestellten Beispiel zeigt sich eine diskrete Latenz-verzögerung von N20 und P25 bei normaler Amplitudendifferenz (N20–P25). Tritt eine solche Verzögerung nur einseitig auf, ist sie als pathologisch einzustufen. Bei beidseitigem Auftreten kann sie hingegen auch anatomisch bedingt sein (z. B. durch eine hohe Körpergröße mit entsprechend langen Armen).

Wann werden evozierte Potentiale durchgeführt?

Eine Indikation zur EP-Untersuchung besteht immer dann, wenn der Verdacht auf eine zentrale Leitungsstörung abgeklärt werden soll.

  • Was bedeutet „zentral“? Im Gegensatz zu peripheren Nerven (die z. B. direkt in Händen oder Füßen verlaufen) umfasst das zentrale Nervensystem (ZNS) Gehirn und Rückenmark. Eine zentrale Leitungsstörung liegt vor, wenn die Reizweiterleitung auf den afferenten (hinführenden) Sinnesbahnen beeinträchtigt ist – also auf den Strecken, die Umweltreize von den Sinnesorganen oder der Haut aufwärts über das Rückenmark bis in die Hirnrinde transportieren.

Systematisch lassen sich die Hauptindikationen anhand der betroffenen funktionellen Systeme einteilen:

  • Abklärung von Sehstörungen (Optikussystem): Objektive Prüfung der Sehbahn bei unklaren Sehverschlechterungen, Gesichtsfeldausfällen oder zur Früherkennung von Entzündungen des Sehnervs (Neuritis nervi optici), etwa im Rahmen einer Multiplen Sklerose.
  • Abklärung von Gefühlsstörungen (Sensibles System): Ermittlung von Ursachen für Missempfindungen (z. B. Kribbeln, Taubheitsgefühl, Störungen des Temperaturempfindens oder des Vibrationssinns) an Armen, Beinen oder Rumpf.
  • Objektivierung und Lokalisation von Rückenmarksschädigungen: Da im Rückenmark die langen sensiblen Aufsteigebahnen verlaufen, ermöglichen die SEP die präzise Beurteilung von Schäden durch raumfordernde Prozesse (z. B. Bandscheibenvorfälle, Verengungen des Spinalkanals/Myelopathien), Entzündungen oder Durchblutungsstörungen des Rückenmarks.
  • Verlaufskontrolle & Früherkennung: Nachweis von klinisch „stummen“ (vom Patienten noch nicht wahrgenommenen) Entzündungsherden im ZNS sowie objektive Verlaufsbeurteilung nach Nervenentzündungen.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Messung ist vollkommen schmerzfrei, unkompliziert und erfordert keine besondere Vorbereitung.

  1. Anbringen der Elektroden: Kleine, flache Oberflächenelektroden werden mit etwas Kontaktgel schmerzfrei auf die Kopfhaut sowie je nach Untersuchung an Rücken oder Extremitäten aufgeklebt.
  2. Reizsetzung: Sie erhalten den entsprechenden Reiz – entweder optisch über den Schachbrett-Bildschirm (VEP) oder über milde, kurze elektrische Impulse an Hand oder Fuß (SEP).
  3. Signalaufzeichnung & Mittelung: Das Messgerät zeichnet die Signale auf, führt die mathematische Mittelung durch und blendet die störende Hintergrundaktivität aus.

Was zeigen die Messergebnisse?

Die Auswertung basiert vor allem auf zwei Faktoren:

  • Latenzzeit (Signalgeschwindigkeit): Wie lange braucht das Signal vom Reizort bis zum Gehirn? Eine verlängerte Latenz weist darauf hin, dass die Isolierschicht der Nervenfaser (Myelinschicht) beschädigt oder entzündet ist.
  • Amplitudenhöhe (Signalstärke): Wie stark ist das im Gehirn ankommende Signal? Eine verringerte Amplitude deutet darauf hin, dass eine geringere Anzahl von Nervenfasern das Signal korrekt weiterleiten kann.

Die Untersuchung der evozierten Potentiale ist somit ein äußerst präzises Werkzeug, um selbst kleinste, für den Patienten manchmal noch gar nicht spürbare Funktionsstörungen im zentralen Nervensystem frühzeitig aufzudecken.

Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße (Extrakranielle und Intrakranielle Duplexsonografie)

Die ultraschallbasierte Gefäßdiagnostik (Duplexsonografie) ist das zentralste, schmerzfreie und strahlungsfreie Verfahren zur Beurteilung der Blutversorgung des Gehirns. Sie erlaubt es, sowohl die Gefäßanatomie (Morphologie) als auch die Strömungsverhältnisse des Blutes (Hämodynamik) in Echtzeit darzustellen.

Um die gesamte Strecke der Blutversorgung abzudecken, unterteilen wir die Untersuchung systematisch in zwei Abschnitte: extrakraniell (außerhalb des Schädels) und intrakraniell (innerhalb des Schädels).

1. Extrakranielle Duplexsonografie (Halsgefäße)

  • Was wird untersucht? Bei dieser Untersuchung werden die großen Halsschlagadern (Arteria carotis communis, interna und externa) sowie die Wirbelarterien (Arteria vertebralis) im Halsbereich beurteilt.
  • Wie läuft die Untersuchung ab? Sie liegen entspannt auf der Untersuchungsliege. Der Ultraschallkopf wird unter Verwendung von sanftem Druck und etwas Gel entlang des Halses geführt.
  • Was wird dargestellt?
    • Morphologie (Gefäßwand & Struktur): Hochauflösende 2D-Grauwertbilder zeigen die Gefäßwand, Verkalkungen, Gefäßverengungen (Stenosen) oder entzündliche Wandveränderungen.
    • Hämodynamik (Blutfluss): Der Farbduplex stellt die Flussrichtung und -geschwindigkeit des Blutes farbig dar (Rot/Blau), während die Frequenzanalyse exakte Strömungsgeschwindigkeiten und Turbulenzen misst.
Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße (Duplexsonographie). In der Gefäßdarstellung oben rechts erkennt man zwei Gefäße und ihr farbiger Fluss, wobei der Messsensor direkt in dem oberen der beiden positioniert ist. Das zugehörige Flussprofil ist unten als Fluss in Abhängigkeit von der Zeit dargestellt. Das hier gezeigte Kurvenprofil ist typisch für die äußere Halsschlagader (Arteria carotis externa), die vor allem das Gesicht und die Kopfhaut mit Blut versorgt.

2. Intrakranielle Duplexsonografie (Transkranielle Sonografie / TCD)

  • Was wird untersucht? Hierbei wird der Blutfluss in den Arterien direkt im Inneren des Schädels gemessen.
  • Wie läuft die Untersuchung ab? Da der Ultraschall den Knochen durchdringen muss, wird die Sonde an sogenannten „Schallfenstern“ angesetzt: meist seitlich an der Schläfe (transtemporal) oder am Hinterkopf/Nacken (transforaminal).
  • Was wird dargestellt?
    • Morphologie: Im intrakraniellen Bereich steht vor allem die Verlaufsdarstellung der großen Hirngefäße im Vordergrund (Arteria cerebri anterior, media und posterior).
    • Hämodynamik: Gemessen werden Flussgeschwindigkeiten und Strömungswiderstände der intrakraniellen Gefäße. Dies erlaubt die Entdeckung von tief im Schädel liegenden Gefäßverengungen, Kollateralkreisläufen (Ausweichkreisläufen) oder Gefäßkrämpfen (Vasospasmen).

Messung der Intima-Media-Dicke (IMT) – Frühwarnsystem für Gefäßgesundheit

Ein wesentlicher Baustein der extrakraniellen Ultraschalldiagnostik ist die hochpräzise Messung der sogenannten Intima-Media-Dicke (IMT) an der Wand der Halsschlagader.

  • Was ist die Intima-Media? Die Gefäßwand einer Arterie besteht aus mehreren Schichten. Die beiden innersten Schichten (Intima und Media) bilden eine feine Doppelkontur, die im Ultraschall exakt im Zehntelmillimeterbereich vermessen werden kann.
  • Surrogatmarker für Herz-Kreislauf-Risiken: Eine verdickte Intima-Media-Schicht gilt als frühzeitiger Surrogatmarker (Ersatzindikator) für systemische Gefäßveränderungen und Arteriosklerose. Sie spiegelt das kumulative Ausmaß von Risikofaktoren wie einer Hypercholesterinämie (erhöhte Blutfettwerte) wider – oft lange bevor spürbare Engpässe oder Symptome auftreten.
  • Prävention & Verlauf: Die IMT-Messung dient der individuellen Risikoabschätzung für Herz-Kreislauf-Ereignisse (wie Schlaganfall oder Herzinfarkt) und hilft bei der Entscheidung, ob präventive Maßnahmen (z. B. Cholesterinsenker oder Lebensstilanpassungen) erforderlich sind.
Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße. (A–D) Messung der Gefäßwanddicke (Intima-Media-Dicke) als Beispiel für eine zunehmende Wandverdickung im Rahmen einer Gefäßverkalkung (Makroangiopathie). (E) Beispiel einer weichen Ablagerung (Plaque) an der Aufzweigung der Halsschlagader – der Blutfluss ist hierbei noch nicht messbar beschleunigt oder eingeengt. (F) Ultraschallbild einer eingesetzten Gefäßstütze (Stent) in der inneren Halsschlagader.

Wann wird der Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße durchgeführt?

  • Schlaganfall-Prävention & Nachsorge: Abklärung nach TIA (transitorischer ischämischer Attacke) oder Schlaganfall sowie zur Risikoabschätzung bei bekannten Risikofaktoren.
  • Abklärung neurologischer Symptome: Bei Schwindel, Sehstörungen, Tinnitus, Synkopen (Kurzohnmacht) oder Kribbelparästhesien.
  • Verlaufskontrolle: Regelmäßige Überwachung bekannter Gefäßverengungen (Carotisstenosen) oder nach Gefäßeingriffen (Stents, Operationen).
  • Vaskulärer Check-up: Früherkennung von Gefäßwandveränderungen bei Fettstoffwechselstörungen (Hypercholesterinämie), Bluthochdruck oder metabolischem Syndrom.

Was zeigen die Messergebnisse?

  • Stenosegraduierung: Bei Verengungen der Arterien lässt sich anhand von Wandmorphologie und Flussbeschleunigung exakt bestimmen, ob eine leichte, mittelgradige oder hochgradige Stenose vorliegt.
  • Plaque-Morphologie: Weiche, cholesterinreiche Plaques tragen ein höheres Risiko für Gerinnselbildungen als stabile, verkalkte Plaques.
  • Gefäßalter: Über die Intima-Media-Dicke lässt sich bestimmen, ob das Gefäßsystem dem biologischen Alter entspricht oder ob eine vorzeitige Gefäßalterung vorliegt.