Fußheber-Schwäche: Ist es der Nerv oder der Rücken?
Mein alter Oberarzt pflegte immer mit einem Augenzwinkern zu sagen (er meinte es aber ernst): „Wer den Unterschied einer Lähmung des N. peroneus nicht von einem L5-Syndrom unterscheiden kann, ist ein schlechter Neurologe – egal was er sonst noch weiß.“
Was wie fachspezifische Erbsenzählerei klingt, ist für die Behandlung von entscheidender Bedeutung. In beiden Fällen ist das Ergebnis oft gleich: Der Fuß hängt, das Gehen fällt schwer und man stolpert über die eigenen Zehen. Doch die Ursache – und damit der Weg zur Heilung – liegt an völlig unterschiedlichen Orten.
Diagnose mit den Ohren: Das “Platschen”
Manchmal stellen wir die Diagnose einer Peroneusparese schon, bevor der Patient überhaupt das Sprechzimmer betreten hat – allein am Geräusch auf dem Flur.
Da die Lähmung bei einer peripheren Peroneusparese (Nervenschaden nicht selten auf Höhe des Knies) meist sehr ausgeprägt ist (“Kabel kaputt”), fehlt die Kraft, den Fuß beim Gehen kontrolliert abzubremsen. Die Folge: Der Fuß schlägt bei jedem Schritt ungedämpft auf den Boden. Dieses charakteristische laute Platschen ist ein fast sicheres Zeichen für einen Schaden direkt am Nerv.
Der klinische Blick: Inversion & Eversion, das Becken und Reflexe
In der Untersuchung schauen wir uns nicht nur an, ob der Fuß hängt, sondern wie sich der gesamte Körper beim Gehen verhält.
1. Der Master-Check: Inversion vs. Eversion
- Eversion (Auswärtsdrehen des Fußes): Diese Bewegung ist fast immer schwach, egal ob das Problem am Knie oder am Rücken liegt.
- Inversion (Einwärtsdrehen des Fußes): Hier liegt der Schlüssel. Da der Muskel für das Einwärtsdrehen (M. tibialis posterior) von der L5-Wurzel, aber nicht vom Peroneusnerv versorgt wird, ist er bei einer Peroneusparese kräftig. Ist das Einwärtsdrehen hingegen schwach, deutet alles auf ein L5-Syndrom im Rücken hin.
2. Das Trendelenburg-Zeichen (Die Hüfte lügt nicht)
Ein weiterer wichtiger Hinweis ist das sogenannte Trendelenburg-Zeichen. Dabei beobachten wir, ob das Becken beim Gehen auf der gesunden Seite absinkt, der Gang wird watschelig.
- Tritt dies auf, deutet es auf eine Schwäche der Hüftabduktoren hin.
- Da diese Muskeln ebenfalls von der L5-Wurzel versorgt werden, ist ein Absinken des Beckens ein starkes Indiz für ein Rückenproblem. Bei einer reinen Peroneusparese am Knie bleibt das Becken hingegen stabil.
3. Der Reflex-Test (Der letzte Baustein)
Während der Kniescheibenreflex (L4) und der Achillessehnenreflex (S1) meist normal ausfallen, suchen wir gezielt nach dem L5-Reflex.
- Wir prüfen hierzu meist den Semimembranosus-Reflex (an den inneren Kniesehnen der Oberschenkelrückseite).
- Alternativ kann der Tibialis-posterior-Reflex an der Fußinnenseite getestet werden (dieser ist jedoch oft schwerer auslösbar).
- Die Regel: Ist dieser Reflex abgeschwächt oder fehlt er ganz, liegt das Problem oben an der Nervenwurzel L5 im Rücken und nicht peripheren Nerven am Knie.
Der Vergleich auf einen Blick
| Merkmal | Peroneusparese (Knie) | L5-Syndrom (Rücken) |
| Geräusch beim Gehen | Lautes Platschen | Meist leiser / gedämpfter |
| Lähmungsgrad | Meist sehr schwer (“komplett”) | Oft Teilschwäche |
| Inversion (Fuß nach innen) | Normal kräftig | Oft geschwächt |
| Beckenstand (Trendelenburg) | Stabil | Becken sinkt oft ab |
| Gefühlsstörung | Nur am Fußrücken | Zieht oft vom Rücken über das seitliche Bein |
Warum die Unterscheidung so wichtig ist
Warum war mein Oberarzt hier so streng? Weil die Therapie eine völlig andere ist! Während wir bei einer Peroneusparese das Knie entlasten und Druckstellen vermeiden müssen, steht beim L5-Syndrom die Wirbelsäule im Fokus – von gezielten Übungen bis hin zur Infiltration oder Operation.
Wichtiger Hinweis: Wenn Sie bemerken, dass Ihr Fuß plötzlich „schlappt“ oder Sie ein neues Ganggeräusch bei sich feststellen, ist dies immer ein Grund für eine zeitnahe neurologische Abklärung.
Haben Sie Fragen zu einer Fußheberschwäche oder benötigen Sie eine präzise diagnostische Abklärung? Vereinbaren Sie gerne einen Termin in unserer Sprechstunde.
