Wenn der Griff zur Lupe schmerzt: Das Rätsel des Unterarms (Pronator teres Syndrom)
In meiner Praxis begegnen mir oft Patienten, deren Symptome auf den ersten Blick wie „Klassiker“ wirken, sich bei genauerem Hinsehen jedoch als neurologische Raritäten entpuppen. Letzte Woche stellte sich Herr M. bei mir vor, ein 53-jähriger Biologe, der seine Zeit normalerweise damit verbringt, im Außendienst seltene Pflanzenarten zu kartieren.
Doch Herr M. kam nicht wegen der Botanik. Er wirkte besorgt, fast ein wenig frustriert. Seit zwei Wochen plagte ihn eine anhaltende Taubheit am rechten Daumenballen, die bis in den Unterarm ausstrahlte. Hinzu kamen blitzartige, stechende Schmerzen im vorderen Unterarm, die vor allem bei Drehbewegungen des Handgelenks einschossen.
Die Symptomatik: Ein entscheidendes Detail fehlt
Herr M. beschrieb eine Kombination aus:
- Minussymptomatik (Sensibilitätsverlust): Ein pelziges Gefühl am Daumenballen und Unterarm.
- Plussymptomatik (Reizerscheinungen): Neuralgieforme (nervenbedingte) Schmerzen und morgendliches Kribbeln in den Fingern eins bis drei.
Das diagnostisch spannendste Detail war jedoch das, was nicht passierte: Es gab keinerlei nächtliche Akzentuierung der Beschwerden. Während Patienten mit dem weit verbreiteten Karpaltunnelsyndrom oft nachts vor Schmerzen aufwachen, lieft Herr M. auch tagsüber an den Beschwerden (“keine circadiane Kopplung“). Auch das typische Manöver, die Hand kräftig auszuschütteln, um das Kribbeln zu vertreiben, brachte bei ihm keinerlei Besserung. Da Herr M. passionierter Kraftsportler ist, verdichtete sich der Verdacht, dass die Ursache nicht am Handgelenk, sondern „eine Etage höher“ in der Muskulatur zu suchen war.
Der Blick unter die Haut: Wenn der Muskel den Nerv würgt
Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir die elektrische Leitfähigkeit seiner Nerven gemessen (Elektroneurographie). Man kann sich Nerven wie Stromkabel vorstellen: Wenn sie mechanisch unter Druck geraten, sinkt die Übertragungsgeschwindigkeit der Signale.
Der zielführende Befund:
Die motorische Neurographie zeigte eine deutliche Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) am Unterarm – und zwar beidseitig. Rechts lag der Wert 15,4 % unter der Norm, links 14,3 %.

Das Entscheidende hierbei: Die Verzögerung fand oberhalb des Handgelenks statt. Damit war das Karpaltunnelsyndrom als Ursache ausgeschlossen. Stattdessen geriet der Musculus pronator teres ins Visier – ein Muskel, der für die Einwärtsdrehung des Unterarms zuständig ist. Der Nervus medianus muss auf seinem Weg in die Hand direkt zwischen den zwei Köpfen dieses Muskels hindurchtauchen. Bei Kraftsportlern kann dieser Muskel so stark ausgeprägt sein, dass er den Nerven wie in einem Schraubstock einengt.
Differentialdiagnostik: Die Detektivarbeit
In der Neurologie ist es entscheidend, ähnliche Krankheitsbilder präzise voneinander zu trennen. Besonders die Abgrenzung zur klassischen Medianus-Kompression am Handgelenk ist wichtig.
| Krankheitsbild | Hauptschmerzpunkt | Spezifisches Merkmal | Nächtliche Beschwerden / Schütteltest |
| Karpaltunnelsyndrom (KTS) | Handgelenk | Klassische Symptomatik an D1-D3; Atrophie des Daumenballens im Spätstadium. | Ja, typische nächtliche Akzentuierung; Schütteln bringt Besserung. |
| Pronator-teres-Syndrom | Volarer Unterarm | Symptomatik wie beim KTS, aber Schmerzauslösung durch Druck auf den Muskel oder Unterarmdrehung. | Meist Nein; kein Aufwachen nachts, Schütteln bleibt wirkungslos. |
| Interosseus-anterior-Syndrom | Tiefer Unterarm | Rein motorisch: Ausfall der Beuger von Daumen- und Zeigefingerendglied (Spitzgriff nicht möglich); keine Gefühlsstörungen. | Nein; rein belastungs- oder anatomisch bedingte Muskelschwäche. |
| C6-Syndrom (Radikulopathie) | Nacken / Schulter | HWS-Abhängigkeit: Schmerzverstärkung durch Kopfbewegungen; oft begleitende Nackenschmerzen. | Nein; eher lageabhängig durch die Wirbelsäulenposition. |
Weitere Details zu den verschiedenen Engpasssyndromen des Nervus medianus finden Sie übrigens auch in meinem Blogbeitrag: [„Wenn die Hand einschlaft – wo klemmt der Medianus-Nerv“].
Die Diagnose: Pronator-teres-Syndrom
Wir diagnostizierten ein beidseitiges Pronator-teres-Syndrom. Während die linke Seite zwar messbare Verzögerungen zeigte, aber noch keine Beschwerden verursachte, war die rechte Seite klinisch voll manifest.
Das therapeutische Vorgehen: Geduld statt Skalpell
Die gute Nachricht für Herrn M.: Da sich die Schmerzen bereits leicht gebessert hatten, ist keine Operation notwendig. Der Nerv braucht vor allem Platz und eine Entlastung der „Druckstelle“.
- Belastungsanpassung: Herr M. reduziert vorerst gezielte Kraftübungen für die obere Extremität (insbesondere schwere Curls und Pronationsbewegungen).
- Abwartendes Prozedere: Da die Nervenregeneration Zeit benötigt, beobachten wir den Verlauf.
- Prognose: Sehr gut. In den meisten Fällen führt die konsequente Entlastung der Muskulatur zu einer vollständigen Erholung.
Besonderheiten & Caveat
Ein interessantes Detail: Die subjektiv empfundene Taubheit am Unterarm passt anatomisch nicht exakt zum Versorgungsgebiet des Pronator-teres-Syndroms. Dies begegnet mir in der Sprechstunde jedoch häufig: Patienten nehmen „überstrahlende“ Schmerzen oft als diffuse Sensibilitätsstörung wahr. Die Elektrophysiologie bleibt hier der objektive Anker der Diagnose.
Haben Sie auch das Gefühl, dass Ihre Hand regelmäßig „einschläft“, oder verspüren Sie unklare Schmerzen im Unterarm, die sich nicht durch Ausschütteln bessern lassen? Eine präzise neurologische Abklärung kann den entscheidenden Unterschied machen. Vereinbaren Sie gerne einen Termin in unserer Sprechstunde – wir gehen der Ursache gemeinsam auf den Grund.
