Was ist eine Apraxie?

Stellen Sie sich vor, Sie möchten jemandem zum Abschied winken, eine Kerze auspusten oder sich mit einer Gabel etwas Essen in den Mund führen. Für die meisten von uns sind dies alltägliche Handlungen, die vollkommen automatisch ablaufen. Bei Menschen mit einer Apraxie ist genau diese Fähigkeit gestört – obwohl die Muskeln völlig intakt sind und keine Lähmung vorliegt.

Aber was steckt hinter diesem neurologischen Phänomen?

Herkunft des Begriffs: Was bedeutet „Praxie“?

Der Begriff Praxie leitet sich vom griechischen Wort praxis ab, was so viel wie „Handlung“, „Tätigkeit“ oder „Ausführung“ bedeutet. In der Neurologie beschreibt die Praxie die Fähigkeit unseres Gehirns, gezielte, erlernte und zweckmäßige Bewegungen zu planen und korrekte Bewegungsabfolgen abzurufen.

Setzt man die Vorsilbe „A-“ davor, drückt dies eine Verneinung oder den Verlust aus. Eine Apraxie ist somit der Verlust der Fähigkeit, erlernte zweckmäßige Handlungen oder Gesten korrekt auszuführen, obwohl die Wahrnehmung, das Verständnis und die reine Muskelkraft vorhanden sind.

Ein kortikales Symptom: Störung im Planungskortex

Bei der Apraxie handelt es sich um ein sogenanntes kortikales Symptom. Das bedeutet: Die Ursache liegt nicht in den Nerven der Arme oder Beine und auch nicht in den Muskeln selbst, sondern direkt in der Großhirnrinde (Kortex) – genauer gesagt in den Arealen, die für die Bewegungsplanung und das Gedächtnis von Bewegungsabfolgen zuständig sind (u. a. im Scheitellappen und im prämotorischen Kortex).

Ein Schaden in diesen hochspezialisierten Gehirnarealen – beispielsweise durch einen Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine neurodegenerative Erkrankung – führt dazu, dass das Gehirn die erlernten Bewegungsmuster nicht mehr fehlerfrei „hochladen“ oder abrufen kann.

Das Bild vom Organisten: Wenn die Tasten unbespielbar werden

Um den Unterschied zwischen einer Lähmung und einer Apraxie zu verstehen, hilft ein anschauliches Bild aus der Musik:

Das Modell der Kirchenorgel

  • Die Orgelpfeifen (Muskeln): Sie erzeugen am Ende den Ton.
  • Die Tasten & Traktur (1. und 2. Motorneuron): Sie leiten das Signal direkt vom Spieltisch zu den Pfeifen weiter.
  • Der Organist (Planungskortex): Er sitzt am Spieltisch, kennt die Noten, liest die Partitur und entscheidet, welche Tasten in welcher Reihenfolge gedrückt werden müssen.

Bei einer klassischen Lähmung (Paresen) sind die Leitungen oder die Pfeifen beschädigt: Die Noten sind zwar da, aber der Ton kommt nicht an.

Bei der Apraxie hingegen sind Pfeifen, Tasten und Signalwege völlig intakt. Das Problem liegt beim Organisten: Er hat das Notenblatt vor sich und weiß genau, welches Stück er spielen möchte – aber seine Hände finden die richtigen Tasten nicht mehr. Die „Bedienung“ der motorischen Felder ist blockiert.

Wie äußert sich eine Apraxie im Alltag?

Betroffene zeigen je nach Ausprägung und betroffenem Hirnareal ganz unterschiedliche Auffälligkeiten bei der Bewegungssteuerung:

  • Falscher Werkzeuggebrauch: Ein Patient versucht beispielsweise, sich mit einer Zahnbürste die Haare zu kämmen oder einen Löffel verkehrt herum zu halten.
  • Probleme bei Bewegungsabfolgen: Einzelne Teilbewegungen funktionieren zwar für sich, aber die Handlungslogik gerät durcheinander (z. B. das Anziehen von Socken über die Schuhe).
  • Entkopplung von Aufforderung und Spontanität: Auf direkte Aufforderung („Winken Sie einmal!“) gelingt die Geste häufig nicht. In einer natürlichen Situation (jemand verlässt den Raum) winkt der Betroffene jedoch spontan und fehlerfrei.
  • Frontal-apraktische Gangstörung (Gangapraxie): Hierbei ist die Fähigkeit gestört, das komplexe motorische Programm für das Gehen abzurufen. Typischerweise stehen Patienten zu Beginn wie „am Boden festgeklebt“ und schaffen die ersten Schritte kaum. Ist der Impuls jedoch erst einmal überwunden und das Gehirn schiebt das Gangprogramm im Verlauf wieder ein, wird das Gangbild von Schritt zu Schritt flüssiger und besser.
  • Haftenbleiben am vorherigen Programm (Perseveration): Anstatt für eine neue Aufgabe ein neues Motorikprogramm hochzuladen, verbleibt das Gehirn im alten Schema und ruft dieses wiederholt ab.

Neurologische Tests: Wenn Bewegungen hängen bleiben

In der neurologischen Untersuchung lässt sich das Haftenbleiben an Bewegungs-Programmen sehr gut durch schnell aufeinanderfolgende Gesten-Aufforderungen überprüfen:

  1. Gestentest 1: Der Neurologe bittet den Patienten: „Zeigen Sie mir mal den Vogel!“ (Zeigefinger an die Stirn tippen). Der Patient führt die Bewegung aus.
  2. Gestentest 2: Direkt im Anschluss folgt die Aufforderung: „Zeigen Sie mir jetzt eine lange Nase!“ (Daumen an die Nasenspitze legen).
  3. Gestentest 3: Danach soll der Patient vormachen, wie man eine Zigarre oder Zigarette raucht (Zwei Finger zum Mund führen).

Bei einer ausgeprägten Apraxie bzw. Perseverationstendenz gelingt der Wechsel nicht: Der Patient tippt sich auch bei der Aufforderung zur „langen Nase“ oder zum „Rauchen“ weiterhin an die Stirn – das zuvor aktivierte Bewegungsmuster wird fälschlicherweise beibehalten.

Diagnostik und Therapie

Da eine Apraxie häufig gemeinsam mit anderen neurologischen Ausfällen (wie Sprachstörungen / Aphasien) auftritt, ist eine differenzierte neurologische Untersuchung entscheidend. Der Neurologe prüft dabei gezielt, auf welcher Ebene der Handlungsplanung die Störung liegt.

In der Behandlung spielen Ergotherapie und Physiotherapie die Hauptrolle. Durch intensives, geführtes Bewegungstraining, das gezielte Einüben von Handlungsabfolgen und das Erarbeiten von Kompensationsstrategien lässt sich die Alltagsbewältigung der Betroffenen wieder deutlich verbessern.


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